Ich bin mir nicht mehr sicher, was mich dazu veranlasst hatte, „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“, von Elena Ferrante, zu kaufen. Rückblickend war es wahrscheinlich meine Neugier, ja, schon fast ein voyeuristisches Verlangen, tiefe Einblicke in das Leben einer anderen Person zu erlangen, zu verstehen, wie sie mit den Unzulänglichkeiten des Lebens umgeht, ganz besonders in der Kindheit. Auch wenn ich bald Mitte Dreißig und verheiratet bin, einen Sohn und einen festen Job habe, mit dem ich meine Familie locker über die Runden bringe, quasi all das, das man aus traditionellen Rollenverständnis heraus für ein vollständiges Erwachsenenleben braucht, so hadere ich doch noch regelmäßig, wenn auch nicht mehr täglich, mit meiner Kindheit und Jugend. So waren meine ersten vierzehn Lebensjahre doch deutlich vernebelter und gegensätzlicher, als die der – zu Beginn des Romans zwölfjährigen – Neapolitanerin, Giovanna, der Hauptfigur in Ferrantes neuestem Roman.

Ferrantes, Giovanna, ein junges Mädchen aus gutem Hause

Die Blickrichtung des Entwicklungsromans wandert von der Auseinandersetzung der Protagonistin mit sich selbst, zum Zeitpunkt der sich einstellenden Pubertät, hin, zu ihrem direkten und indirekten, familiären wie freundschaftlichen, Umfeld, und wieder zurück.
Aus einem gebildeten und gut situierten Elternhaus stammend, das beschreibt Ferrante im Laufe der Erzählung auf einer zweiten Ebene detailreich durch die sozialräumliche Struktur Neapels, erlebt die junge Giovanna schon früh, was es bedeutet, sich in intellektuellen Kreisen zu bewegen. Der Vater, Andrea, Lehrer der Fächer „Geschichte und Philosophie am namhaftesten Gymnasium Neapels“ und Co-Autor wissenschaftlicher Aufsätze, die er zusammen mit seinem engsten und ältesten Freund, Mariano, verfasst. Die Mutter, ebenfalls Gymnasiallehrerin, unterrichtet die Fächer Latein und Griechisch und korrigiert in ihrer Freizeit Liebesromane.

…bei ihr zu Hause ist Dialekt tabu.

Auf der Gegenseite, oder besser unterhalb – räumlich wie sozial gesehen – ihres kindlich begrenzten und bekannten Lebensraums, befindet sich die Familie väterlicherseits. Im Grunde ist es nur noch Giovannas Tante, Vittoria, und deren Wahlfamilie, welche – seltsamerweise – aus der Ehefrau und den Kindern ihres verstorbenen Geliebten besteht. Sie leben in der Zona Industriale, von Giovannas Elternhaus aus gesehen, welches sich im hochgelegenen und wohlhabenden Stadtviertel Rione Alto, genauer in der Via San Giacomo dei Capri, befindet, liegt Vittorias Wohnort am anderen Ende der Stadt und gleichzeitig auch in einer der heruntergekommensten und wirtschaftlich schwächsten Gegenden Neapels. So wundert es nicht, dass auch Vokabular und Ausdrucksweise die sozialen und ökonomischen Gegebenheiten widerspiegeln. Ferrante, oder besser Giovanna, unterscheidet hier zusätzlich zwischen Dialekt und Italienisch. Findet sich in der Zona Industrale vorwiegend Dialekt wieder, so spricht man in Rione Alto einwandfreies Italienisch; Giovanna hingegen kann selbst gar kein Neapolitanisch sprechen und versteht dies mitunter auch nicht immer vollends – bei ihr zu Hause ist Dialekt tabu.

Wie ein einzelner Satz das ganze Leben verändert

Giovannas Eltern haben Vittoria bis zu ihrem zwölften Lebensjahr vollständig aus der Familie herausgehalten. Giovanna wusste nicht einmal wie sie aussah, sie wusste nur von ihrer „Hässlichkeit und Boshaftigkeit“; aus Nellas, Giovannas Mutter, und Andreas Sicht ist es eine dunkle Vergangenheit, die sie bewusst vor ihrer Tochter verbergen wollten. Diese wohlmeinende Ausblendung konnten die Eltern aufrecht erhalten, bis Giovanna eines Abends ein Gespräch der beiden belauschte, in dem ihr Vater schlussfolgerte, seine Tochter komme nun ganz nach ihrer Tante Vittoria. Giovanna war zu diesem Zeitpunkt ein Mädchen, das zusehends mehr von ihrer Pubertät vereinnahmt wurde. Sie nahm die Veränderungen ihres Körpers wahr, fühlte sich immer unwohler, entdeckte neue Ebenen von Scham und Angst. Zudem wurden ihre Leistungen in der Schule schlechter, was überhaupt erst zu dem Gespräch der Eltern, in dem besagter Satz fiel, geführt hat.

So ist es nur verständlich, dass das junge Mädchen den väterlichen Vergleich zunächst auf ihr Äußeres bezog. Sie wollte nun unbedingt wissen, wie ihre Tante aussieht und ob sie wirklich Ähnlichkeit mit ihr besitze.
Es dauerte nicht lang und sie hatte einen ersten Kennenlerntermin mit Vittoria vereinbart. Schon das zuvor geführte Telefonat wühlte sie auf und verschreckte sie, ob der derb-vulgären Sprache ihrer Tante, doch dass dieses kommende und die darauffolgenden Treffen ihre Sicht auf die Welt, wie sie sie bisher kannte, völlig auf den Kopf stellen würde, ahnte sie bis dahin noch nicht.

Der kindliche Blick hinter die Kulissen, oder: Realität

Ferrantes Erzählung entwickelt sich von hier ab in zwei Strängen, einem Hauptstrang und einem unterschwelligen Nebenstrang, der Giovannas aufkommende Sexualität schemenhaft und völlig ohne Ausschmückungen skizziert. Im Hauptstrang fächert sich Giovannas bisheriges, eher zurückhaltend und ereignisloses Dasein, durch den Eintritt Vittorias in ihr Leben, rasant in ein emotionales Beziehungsgeflecht auf. Es entstehen Verbindungen zu neuen Menschen und neue Rollen kommen hinzu, die Giovanna gekonnt zu spielen weiß. Sie lernt, dass nicht immer alles so ist, wie es im ersten Moment zu sein scheint und sie lernt, dass auch sie diese Erkenntnis gewinnbringend für sich nutzen kann. Sie beginnt die Menschen in ihrem Umfeld zu täuschen, sie beginnt von Dingen zu erzählen, die ihr einen Vorteil oder zumindest keinen Nachteil einbringen, kurz: Sie beginnt den Leuten zu erzählen, was sie hören wollen.

…eine Welt voller Begierde und Täuschung

Die Erkenntnis, das sich hinter ihrer, bis zu diesem Zeitpunkt, kindlichen Welt, noch eine Weitere, eine Welt voller Begierde und Täuschung, verbirgt, macht ihr gleichwohl schwer zu schaffen. Ihr bisheriges Leben gerät aus den Fugen, und auch das ihrer Eltern bleibt davon nicht unberührt, nachdem klar wird, dass sich auch ihr engster Familien- und Freundeskreis der Heuchelei nicht entzogen hat. Giovanna taucht von hier an mit einem Kopfsprung ein in ein pubertäres Lebensloch, dunkel und voll von Zweifeln, Ängsten und neuen Empfindungen. Die vormals elterliche Zuflucht, der sichere Hafen, beginnt sich aufzulösen. Doch auch Vittoria scheint ihr kein verlässlicher Anker zu sein, wenngleich sie Giovanna sogar vom religiösen Glauben überzeugen will, den diese von Kindertagen an gelernt hat abzulehnen, ganz im Sinne einer aufgeklärten Erziehung.

Es ist eine Zeit des Pendelns zwischen einer brüchig werdenden Vertrautheit elterlicherseits und einer reizenden Grenzüberschreitung auf Seiten der Tante. Hier lernt sie nochmals eine andere, scheinbar ursprünglichere, unverfälschtere Realität kennen. Ohne kluge Worte, die die realen Dinge, die dahinter liegen, verschleiern. Eine für sie sehr unmittelbare Lebenserfahrung, wenngleich sie durch ihre Bildung und ihren Intellekt diese Welt äußerst gut mit gebotenem Abstand betrachten kann und die Unterschiede zu ihrem bisherigen Leben herausarbeitet.
So verstreichen die Erlebnisse in Ferrantes kurzweiliger Erzählung bis Giovanna gegen Ende die Erfahrung einer – zugegebenermaßen – unerwiderten Liebe erlebt, die dem Leser doch noch einmal tröstlich ihre Jugendlichkeit und Unerfahrenheit, obgleich ihrer intellektuellen Aufgeklärtheit, vor Augen führen.

Ein gelungener Roman, der dazu einlädt, die eigene Jugend noch einmal zu reflektieren

Gesamthaft betrachtet bleibt für mich einerseits der Eindruck eines wunderbar geschriebene Romans zurück, der wenig Zweifel an der Echtheit seiner erzählten Gegebenheiten aufkommen lässt. Die Sprache passt sich hervorragend den erzählten Szenen an und kann einen sowohl mitreißen, sowie sie einem auch die nötigen Pausen zum Verarbeiten des vorher gelesenen einräumt. Hier zeigt sich – aus meiner Sicht – der erfahrene Autor, der es vollends versteht, den Leser zu führen und zugleich den nötigen Raum lässt, um die eigene Bildwelt gedanklich aufzubauen.
Andererseits hinterlässt der Roman bei mir auch ein unterschwelliges Gefühl der Wehmut, denn Giovannas Erfahrung in diesem frühen Lebensabschnitt sind doch sehr aufgeklärt, selbstbestimmt und umfassend. So kann ich das aus meiner Jugend nicht erinnern. Das beschriebene pubertäre Lebensloch hat bei mir selbst zwar nicht bis heute angehalten, die Erlebnisse darin, und gleichfalls ihre Auswirkungen auf meine Persönlichkeit und mein Leben, habe ich bis heute nicht gänzlich verstanden und verarbeitet. Es scheint mir, und das schließe ich aus diesem – zugegebenermaßen – kleinen Einblick in das Leben eines jungen Mädchens, als ob sie ohne große Blessuren aus dieser pubertären Phase wieder heraustreten könne.

Alles in allem eine absolute Leseempfehlung meinerseits. Als Ferrante-Neuling hat mich die Autorin sprachlich wie erzählerisch umfassend überzeugt und ich werde mich demnächst aufmachen, Ferrantes hochgelobte Buchreihe, „Neapolitanische Saga“, bestehend aus vier Bänden, zu besorgen.
Sobald es soweit ist, erfahrt ihr es natürlich hier auf dem Blog sowie auch auf Instagram.

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen – Elena Ferrante

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungstermin: 29.08.2020
415 Seiten
ISBN: 978-3-518-42952-5
D: 24,00 €

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