Ein weiser Aikido-Meister, der östlichen Philosophie nahestehend, der abendländischen aber auch nicht vollends abgewandt, sagte mir einmal: „Schau, was du tust und die siehst, was du willst.“
Als ich das hörte, schmunzelte ich, denn es klang mir wie eine abgedroschene Lebensweisheit, gedruckt auf dem dünnen glatten Papier eines tausendfach produzierten Abreißkalenders, eines Industrieprodukts, das, um dem lebensphilosophischen Rat noch eins drauf zu setzen, diesen neben einem Ying-Yang-Zeichen in Szene setzt. Das geht nämlich immer.
Was in diesem Moment noch mitschwang, mir jedoch erst später bewusst wurde: Ich wollte einen Rat, doch diesen wollte ich beileibe nicht hören.

Das Gespräch drehte sich um meine berufliche Unzufriedenheit, die Idee einer Neuorientierung und wie das Ganze mit meinem Familienleben vereinbar ist. Irgendwann innerhalb des Gesprächs kam, wie so oft, die Frage nach dem: Was willst du denn? Meine stockende, mit einem fast unmerklichen Schulterzucken versehene Reaktion wurde ohne große Mühe vom Meister interpretiert, und er nahm mir, ebenso mit einem Schmunzeln versehen, die Antwort ab. Kurz: Auf seine rhetorische Frage kam eine rhetorische Antwort.

Schau, was du tust und du siehst, was du willst.

Wir sind nicht weiter darauf eingegangen und haben unser Gespräch damit abgeschlossen, ganz im Sinne seiner Lehrmethode: Gebe deinen Schülern am Ende des Trainings einen Denkanreiz mit auf den Weg. Eine unbeantwortete Frage, etwas offenes und unabgeschlossenes, etwas, dass das eigene Denken anregt und – im besten Fall – bis zum nächsten Training bei Laune hält, in der Hoffnung, dort die Antwort darauf zu finden. In den seltensten Fällen erhielten wir eine Antwort, meistens waren es noch mehr Fragen. Auch auf die mir gestellte Frage, die Frage, was ich denn eigentlich wolle, gab es natürlich keine Antwort. Die konnte ich mir freilich nur selbst geben. Allein eine Hilfestellung, in der Form wie ich sie bekommen habe, ist denkbar.

Was war es, dass mir an diesem Spruch nicht gepasst hat?

Zunächst einmal verstand ich die Aussage nicht. Wie kann ich denn mit den Dingen, die ich in der Gegenwart bereits tue und die scheinbar eine Leerstelle hervorbringen, ein Fehlen von etwas, durch das sich erst ein Wollen herausbilden kann, eine Projektion auf etwas schaffen, dass ich für die Zukunft tatsächlich will? Dies klingt im ersten Moment wie ein Zirkelschluss, ja fast wie ein Irrweg. Man kennt es aus Märchenerzählungen und Filmen: Jemand verliert sich in den tiefen des Waldes, und in dem Versuch einen Weg nach draussen zu finden, stellt man erschreckend fest, dass man wieder und wieder an ein und demselben Baum vorbeikommt. Man läuft im Kreis. Ganz so erschien mir auch das Wesen dieser Aussage. So konnte eine mögliche Lösung nur im Einnehmen einer neuen Perspektive zu finden sein, denn die alte Blickrichtung lässt einen erbarmungslos Kreise ziehen, von denen einer nahtlos in den anderen übergeht.

Wie aber kann so eine anders geartete Blickrichtung aussehen?

Bezogen auf die Aussage über das Wollen finde ich einen Ausweg nicht in den Dingen, die ich vermeintlich will, sondern vielmehr in der Frage, was mein Wollen überhaupt erst verursacht. Ich sehe mir also an, woher mein Wollen kommt, was die unbewusst gesetzte Prämisse hinter der Frage nach dem „Was will ich?“ ist.
Dies führt mich zu der Idee, dass mein Handeln nicht vollends von meinem Wollen bestimmt ist. Sie drückt sich in dem Bedürfnis aus, mein Leben so zu gestalten, wie es mir entspricht. Das bedeutet wiederum auch, es gibt eine Fremdbestimmtheit in meinem Leben, derer ich ausgeliefert bin, deren Wirken ich mir in meinem täglichen Tun nicht einmal gewahr werde. Denn: Wenn mein bisheriges Leben nicht meiner eigenen Vorstellung entspricht, wessen Ideen folgt es stattdessen? Und seit wann schon? Wie ist es dieser unsichtbaren Macht möglich, mich in meinen alltäglichen Handlungen und Entscheidungen so zu täuschen und mir glauben zu machen, ich selbst träfe sie?

Ich will darauf nur die ungenügende Antwort geben, dass es kindliche Konditionierungen sind sowie antrainierte Verhaltensmuster, um sich die wohlwollende Gunst der Eltern zu sichern. Ebenso angenommene Erwartungen eines sozialen Kollektivs, Gesellschaftstugenden vielleicht oder das Erfüllen gewisser Rollen im sozialen Geflecht eines Milieus. Ungenügend ist die Aussage insoweit, als dass natürlich auch das Annehmen solcher Verhaltensweisen zu irgendeinem Zeitpunkt eine Willensentscheidung war. Der Wille, so wie ich ihn heute für mich verstehe, war zu dieser Zeit jedoch für eine andere Werteordnung zuständig als ich sie gegenwärtig besitze oder zumindest für mich entwickle.
Es bleibt somit festzuhalten, dass sich durch das Darlegen der Frage, wieso man der Meinung ist, etwas zu wollen, gezeigt hat, dass ein tieferes Verständnis der eigenen Fremdbestimmung notwendig erscheint.

Was hat mich an diesem Spruch noch gestört?

Es war sein verharren in der Gegenwart. Ich wollte nach vorne, heraus aus der Situation, das Jetzt hinter mir lassen und etwas Neues beginnen. Stattdessen sollte ich mir ansehen, was ich gegenwärtig tue. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses angestrebte Verhalten mit einem Fluchtreflex gleichzusetzen ist. Es scheint mir, als ob eine treibende Komponente den Weg nach vorne einschlägt, und versucht ist, mich von meinem Blick nach hinten abzuhalten. In jedem Fall führt es dazu, sich im Unwissen über die Unstimmigkeiten der jetzigen Situation in ein neues Abenteuer zu stürzen, auf die Gefahr hin, denselben Handlungs- und Denkmustern erneut zu erliegen.

Natürlich wird ein neues Äußeres, das Erleben neuer Situationen, die Fremdbestimmung bis zu einem gewissen Zeitpunkt überschatten. Irgendwann fliegt aber auch hier der trügerische Deckmantel auf und die treulose Wahrheit rückt in den Blick. Der Mensch spürt, wenn er auf Abwegen ist. In alltäglichen Situation ist dies ein natürlicher Impuls unseres Streben nach Unversehrtheit. Bezieht man jedoch der Konditionierung unterliegende Handlungsweisen in die Betrachtung mit ein, so sind außerordentlich hohe selbstreflexive Fähigkeiten vonnöten, um die Treiber hinter den Kulissen zu identifizieren.

Nicht jeder kann das und es kann mitunter Jahrzehnte dauern, um solche Fähigkeiten zu entwickeln. Es gibt Menschen, die bis ins hohe Alter nicht in der Lage sind, einen beobachtenden Blick auf ihr Verhalten einzunehmen. Es fehlt ihnen schlicht die Neugier für sich selbst oder die Angst vor einer übergeordneten Macht ist noch so groß, dass das Leben seinen Facettenreichtum zugunsten einer, für Aussenstehende objektiv disqualifizierten, hingegen subjektiv empfundenen, mit einer beständigen Vollmacht ausgestatteten Autorität, einbüßt.
Der neugierig beobachtende Blick auf sich selbst ist folglich von entscheidender Bedeutung, um die Gründe für eine Flucht nach Vorne sichtbar zu machen, so dass sie nicht in neuen Aufgaben und Herausforderung verschütt gehen. Denn auch wenn sie gerade nicht an der Oberfläche zu sehen sind, so schlummern sie doch nur, und treten zu gegebener Zeit, gestärkt mit neuer Kraft und im ungünstigsten Falle weiteren Anhängern in Gefolgschaft, wieder hervor.

Was hingegen war es, dass mir ein wohliges Gefühl bescherte?

Durch das Verharren in der Gegenwart kam zeitgleich auch ein Gefühl der Erleichterung, der Druck sank ab und es begann sich eine von jeglicher Scham befreite Neugier einzustellen. Eine Neugier auf mich selbst, derer es keine Rechtfertigung bedarf, ich gab mir die Erlaubnis nun über mich lernen zu dürfen. Denn ich musste die Gegebenheiten nicht unverstanden hinnehmen. Wenn mir doch der Weg nach vorne versperrt bleibt, so sagt mir niemand, nicht nach hinten blicken zu können. Durch die erforschende Rückschau können Verhaltensmuster und zuweilen auch Gegebenheiten, von wo aus eine Fremdbestimmung ihren Lauf nahm, erkannt werden.

Das wohlige Gefühl, ausgelöst durch die Rast im Jetzt, verrät vielmehr auch die Eigenart des triebhaften Impulses der Hetze nach vorne. Es ist nämlich dieser nicht einer vernünftigen Abwägung entsprungen, sonder zeigt sich als reflexhaftes Verhalten. Ja eine unsichtbare Wesensart, deren Manifestation erst durch ein ursächliches Ereignis deutlich wird. Es kann von einer Kausalität gesprochen werden, die, sobald ein bestimmtes Ereignis eintritt, diesem eine gewisse Handlung zuordnet. Die Handlung ist somit bezogen auf das Ereignis, das Ereignis selbst also ursächlich für die Handlung, wenngleich dasselbe Ereignis bei einem anderen Menschen eine völlig verschiedene Reaktion hervorrufen kann.
Was hieran ebenfalls interessant ist, wenn auch nicht entscheidend für das Erkennen der eigenen Verhaltensmuster, ist der Ursprung dieser Prägung, der sicherlich in einer frühen Erfahrung der Kindheit oder einer Imitation elterlicher Verhaltensweisen zu finden ist.

Wie lassen sich diese scheinbar unvereinbaren Gegensätze interpretieren?

Das bezeichnende der Gesamtsituation ist der Widerstreit der Empfindungen, welcher erst zu dem vordergründigen Gefühl der Zerrissenheit geführt hat. Das Spannungsverhältnis, erzeugt einerseits durch die nach vorne treibende, ja fliehende Kraft, und auf der Gegenseite die Verzögerung, ein erleichterndes zur Ruhe kommen, um sich die Situation einmal ansehen, aus ihr lernen, zu können. Mit zeitlichem wie auch emotionalem Abstand betrachtet, kann ich sagen, das Veränderung genau dieser Spannung bedarf. Veränderung, verstanden, als ein von dem gegenwärtigen Zustand verschiedener. Ein Wechsel im Beschaffensein meiner Selbst. Bin ich gegenwärtig ein Mensch mit dieser und jener Eigenschaft, diesem und jenem moralischem Wert, so kann ich durch Veränderung zu einem nachfolgenden, zukünftigen Zeitpunkt, ein ungleich anders gearteter Mensch sein, mit anderen Eigenschaften und Werten.

Würde man nur die fliehende Komponente zulassen, so könnte sich durch das Streben nach Vorne kein stabiler Zustand einstellen, obgleich es dem Anschein nach Veränderung gibt, denn man bewegt sich ja. Der Unterschied ist, dass es für eine Zustandsfestigung Rast benötigt. Erst auf einer ruhenden Plattform können sich die Dinge entfalten und festigen. Würde man hingegen nur die verzögernde Komponente zulassen, würde man zwar tatsächlich in einem Zustand verharren, man würde ihm aber auch jede Plastizität rauben. Ein erforschender Rückblick birgt gewiss Potential für Veränderung. Wirklich nutzbar gemacht wird dies aber erst durch die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation, das heißt, die für die Zustandsänderung notwendige Energie muss von der fliehenden Kraft aufgebracht werden.

Was also hat mir dieser Spruch gebracht?

Durch das Nachdenken über den Sinn des Spruchs haben sich mein Begriff des Wollens und seine Implikationen erst entfalten lassen. Aus einem trotzigen „Ich will aber…!“ und „Nein, ich will das jetzt!“ wurde ein differenziertes Erforschen der zugrundeliegenden Verstrickungen mit meinen Sehnsüchten einerseits, und den einschränkenden Konditionierungen andererseits. Ich habe gelernt, mir meiner Fremdbestimmtheit gewahr zu werden und sie von meinen wahren inneren Wünschen abzugrenzen. Weiter habe ich die notwendige Ruhe gefunden, durch Unzufriedenheit geprägte Situationen nicht sofort fluchtartig zu verlassen.

Doch die wichtigste Erkenntnis war diejenige, die mir zeigte, dass es nicht darauf ankommt was ich will, sondern wieso ich etwas will. Und genau das ist vielleicht auch die Antwort auf die ausgangs genannte Aussage: „Schau, was du tust und du siehst, was du willst.“
Was nämlich tust du, damit sich ein Wollen herausbildet? Was tust du, womit du nicht einverstanden bist? Welche deiner Handlungen entsprechen nicht deiner Vorstellung von einem idealen Selbst? So könnte man die Aussage auch umformulieren: „Sieh dir an, was du tust, und du erkennst, was du nicht willst.“ Durch den ungetrübten Blick auf sich selbst und seine Handlungen, erkennt man sehr schnell, womit man nicht einverstanden ist und diese Erkenntnis ist der erste und wichtigste Schritt für die Beantwortung der Frage, was man denn eigentlich will.

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